Johannes Ulrich geht 1 Jahr nach Indien

Liebe Pfadfinder und Eltern, liebe Ehemalige,


im September geht es los: Als Volontär werde ich, Johannes Ulrich, Rover und freier Mitarbeiter im Stamm Gunzenhausen, im Rahmen des „weltwärts“-Programms der deutschen Bundesregierung ein Jahr lang in Indien leben und arbeiten. Damit mein Volontariat im Rahmen von „weltwärts“, das mit einem Stipendium vergleichbar ist, stattfinden kann, habe ich mich verpflichtet, einen Spenderkreis aufzubauen, der mir dabei helfen soll, eine festgelegte Summe an Spendengeldern für das Projekt zu sammeln. Insgesamt benötige ich 1800 Euro.


Dazu brauche ich bitte Eure Unterstützung!


Damit ihr wisst, wofür das Geld eingesetzt wird – vor Ort habe ich dann selbst Einfluss darauf! -, möchte ich Euch hier einige Informationen geben:


Die Entsendeorganisation: 

Die Salesianer Don Boscos sind eine katholische Ordensgemeinschaft, die auf den italienischen Priester Johannes Bosco zurückgeht. Schockiert von den Lebensbedingungen Turiner Straßenkinder im frühen Industriezeitalter beschloss Bosco 1859, eine christliche Vereinigung zu gründen, die den Jugendlichen mit Liebe, Vertrauen und Glaube begegnen und ihnen bieten sollen. Er selbst beschrieb seine Grundhaltung mit dem berühmten Zitat; „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen“.

 

Internetpräsenz der Salesianer: http://www.donbosco.de/


Der Projektort:

Die Einrichtung der Salesianer, in der ich meinen Freiwilligendienst ableisten werde, liegt in Südindien, genauer gesagt in Hospet, einer „Kleinstadt“ mit 175.000 Einwohnern in der indischen Provinz Karnataka.

 

Die Einrichtung in Hospet: http://dbbangalore.org/houses/karnataka/hospet/

 

Das Projekt:

Meine Hauptaufgabe wird sein, den Kindern, vor allem Schulabbrecher und ehemalige Straßenkinder, Englisch und Mathematik beizubringen. Außerdem arbeiten die Salesianer mit einigen Jugendgruppen in Hospet zusammen und organisieren zum Beispiel Selbsthilfegruppen für Frauen. Ich stehe mittlerweile in Kontakt mit den beiden Volontären, die im Moment in Hospet arbeiten, und sie haben mir ganz stolz berichtet, dass sie mit den Kindern schon einen Gemüsegarten angelegt haben. Die Tätigkeit ist also nicht auf den Unterricht beschränkt, sondern besteht hauptsächlich darin, den Kindern eine Bezugsperson zu sein. Oder wie ich es von allen Seiten immer wieder zu hören bekomme: „to be with the kids!“

 

Internetpräsenz der indischen Partnerorganisation BREADS: http://www.breadsbangalore.org/site/english/showcontent.php?menuid=96


Wenn Ihr mich und das Projekt unterstützen wollte, überweist bitte Eure Spende auf das Konto des Stammes Gunzenhausen

 

BANK: SPARKASSE GUNZENHAUSEN 

BLZ: 765 515 40

KONTONUMMER: 105 676

INHABER: DPSG Sankt Marien Gunzenhausen e.V.


mit dem Verwendungszweck "Spende für HOSPET". 

 

Spendenquittungen können auf Wunsch ausgestellt werden.

 

Im Voraus vielen Dank für Eure Unterstützung

 

Johannes Ulrich

Johannes wird regelmäßig direkt aus Indien auf unserer Homepage berichten.

6. & letzter Bericht vom 21.08.2012

Vorgestern habe ich die Welten gewechselt wie ein Hemd. Ich hatte gedacht, der Kopf würde in Indien hängen bleiben und dass es Überwindung kosten würde, die leere deutsche Straße zu betreten. Ich hatte erwartet, dass Heimat und Fremde Plätze getauscht hätten. Es kommt mir vor, als wäre ich ein paar Stunden weg gewesen. Irgendwo auf meiner Festplatte muss das alte Programm noch gespeichert gewesen sein; ich weiß mich zu bewegen, weiß zu sprechen – nur nicht von was, aber Politik geht immer. Mit dem Rad muss ich mich zusammenreißen: Den Touristen gefällt nicht, dass ich auf der linken Seite fahre.

 

Es kommt mir vor, als wäre ich ein paar Stunden weg gewesen, was ein Jahr sein soll, kommt auf Momente gestaucht daher: Einmal in den letzten Monaten habe ich einige meiner Kinder in ihrem Dorf in Nordkarnataka besucht. Wir schliefen auf dem Dach des Schulgebäudes, zum Zähneputzen gingen wir an den Fluss und tagsüber reichten sie mich von Haus zu Haus. Ich erinnere mich des Abends. Die alten Männer riefen mich in den Tempel, wo sie im Kreis ihre Gesänge anstimmten. Wenn mich einer fragt, was denn das Schönste war, dann erzähle ich ihm von diesen beiden Tagen im Dorf der Kinder.

 

Und dann haben die Priester gewechselt. Mit ihnen veränderte sich die Atmosphäre, meine Arbeit und der Stellenwert der Kinder. Mit ihnen wurden die Dinge gut. Es wurde gearbeitet. Von entscheidender Bedeutung waren die Kinder. Plötzlich fand Austausch statt, Regeln wurden erarbeitet, man begann all die Unvernünftigkeiten zu beseitigen. Plötzlich waren da Inder, die ich Freunde nennen kann. Ich hatte endlich die Chance, die street worker zu begleiten und bekam Einblicke in die Arbeit mit den Selbsthilfegruppen und der Hausaufgabenhilfe in den Slums. Als eine der wirkungsvollsten Stellschrauben in der Entwicklungshilfe hat sich das women empowerment, die Stärkung der Frauen herausgestellt. Auch wenn die gesellschaftliche Stellung der Frau eine benachteiligte ist, so kommt ihr im Haushalt doch entscheidende Bedeutung zu. Der beste Weg, die Kinder zur Schule zu bringen, ist die Mütter zu überzeugen. Gleichzeitig ist es den Frauen dank Mikrokrediten möglich, selbst über Teile ihres Lebens zu bestimmen, Initiative zu ergreifen und die tägliche Lethargie in den Gassen von Hospet zu durchbrechen. Ich bin froh, dass ich wenigstens am Schluss noch eine Ahnung von den Tätigkeiten des Projektes bekommen habe.

 

Ich selber haben in den letzten beiden Monaten viel in der Farm gearbeitet. Einige Kokosnuss- und Mangobäume gepflanzt. Kinder zum Arzt gebracht. Die Küche gestrichen. Ein Treppengeländer betoniert. Einen Ausflug organisiert. All die Kompetenzen und Erfahrungen, die ich vorher erworben hatte, ohne sie einsetzen zu können, meldeten sich plötzlich zu Wort: Sprachkenntnisse, Gesprächstaktik, eine gewisse Lockerheit im Umgang mit den Menschen.

 

Bestimmt gäbe es noch die ein oder andere Geschichte zu erzählen. Aber das geht ja jetzt auch wieder direkt. Stattdessen würde ich die dauerhaft auf hohem Niveau funktionierende Internetverbindung gerne dazu verwenden, noch ein paar Bilder online zu stellen. Der Abschied war kurz, der Kopf schon in Deutschland. Die Kinder haben geweint, ich habe versprochen bald anzurufen: Die letzten Tage waren seltsam. Das Gefühl, das überwiegt, ist Dankbarkeit. Dafür, dass ich sehen durfte, dass nicht ich verrückt war, sondern alle anderen und dass es Individuen waren, die das Projekt gegen die Wand setzten, so wie es jetzt Individuen sind, die es wieder aufbauen. Sie machen das ganz hervorragend. Ich bin dankbar, dass ich meine Kinder, die wunderbar sind, in einem solchen, sorgenden Umfeld zurücklassen darf.

 

Ein Beitrag von Johannes Ulrich!

5. Bericht vom 21.05.2012

Der Zwischenstand:

 

- 1 Tag, bis zum Champions League Endspiel

4 Tage bis zum Wechsel der Verantwortlichen im Projekt

90 Tage bis zum Rückflug

 

Und heute war der Höhepunkt. Auch wenn man nach diesem Spiel gestern Nacht (00:30 bis 3:00 Indian Standard Time) nicht mehr weit von Gedanken wie „Werde ich je wieder lachen können?“ oder „Wie kann Gott denn bitte nicht tot sein?“ entfernt war, war der heutige Tag eine Sensation.

 

Vor einigen Wochen ist eines unserer Mädchen nicht aus ihren Ferien zurückgekommen. Das passiert öfters, aber dieses Mädel war etwas besonderes, stand sie doch nach drei Jahren kurz vor der Entlassung in die richtige Schule. Den Grund für ihr Fernbleiben konnte mir keiner sagen. Verantwortliche interessiert dergleichen auch nicht; die scheinen ausschließlich für die Verantwortung zuständig. Aber nach acht Monaten hat man gelernt, Verantwortung und Verantwortliche schlafen zu lassen, wo es möglich ist. 

 

Nach einem gescheiterten Versuch, die 50 Kilometer mit dem Rad bei 41 Grad auf einer staubigen Fernverkehrsstraße zurückzulegen, hat mich der Ehemann einer Lehrerin heute auf dem Moped mitgenommen. Mir ist öfters schon aufgefallen, dass ich mich aufgrund meiner Radtouren in der Gegend teils besser auskenne als die meisten Einheimischen. So konnte ich ihn lotsen und das Herrliche war: er hörte darauf.

 

Unser Mädel hat sich erstmal versteckt. Aber wer kann Tee und Chillisemmel lange widerstehen? Ihrem kleinen Bruder sah man die Gelbsucht deutlich an. Mein Begleiter erklärte, das sei das schlimmste auf dem Land: Die Regierung würde die Einrichtungen ja zur Verfügung stellen, aber in den Köpfen der Leute existiert noch nicht die Möglichkeit zum Arzt zu gehen, bevor das Kind ein paar Tage fiebernd darnieder liegt. Es geht um Bildung, Bildung, Bildung. Das haben wir auch der Mutter gesagt. „Soll dein Kind, das Weiblein sein, dass die Scheiße vom Boden kratzt? Mädchen, willst du dein Leben lang die Scheiße vom Boden kratzen?“ Das Mädchen war schnell gewonnen. Auch die Mutter ließ sich überzeugen. Am Dienstag haben wir sie wieder, hoffe ich.

 

Wir trafen auch noch einen anderen Abbrecher. Nie werde ich vergessen, wie er seinen Sack fallen ließ, laut „Johannes uncle“ schrie und sich an meinen Arm hing, als wäre er nie weg gewesen! Trotzdem will er nicht mehr kommen; an den Zeitplan konnte er sich nie gewöhnen.

 

Am Heimweg waren wir uns schnell einig, das ein Bier recht wäre. Oder zwei. Unter schnapstrinkenden Minenarbeitern (einer fiel von der Treppe und fing sich über dem Auge ein üble Wunde ein) sprachen wir über Politik und was das Land braucht. Bildung, Bildung, Bildung. Das erklärte mein Begleiter auch dem Sohn des Spelunkenbetreibers. „Ihr habt ein Recht auf Bildung. Wenn einer Bestechungsgeld verlangt, dann nehmt euren Schuh und schlagt ihm ins Gesicht!“ Mich wundert nicht, dass der Typ in Tagen der Notstandsregierung sieben Tage im Knast war. Aber Recht hat er doch. 

 

Interessant auch, wie man betrunken, so viel besser Moped fahren kann, als nüchtern. Endlich kam mal Spannung als Spiel, als wir die Herausforderung der durchgeknallten Lastwagenfahrer annahmen!

 

Ein Tag wie heute wiegt die ganzen letzten Wochen auf. Eine Arbeit wie heute, die mir und dem Projekt etwas bringt, versuche ich seit Januar zu bewirken. Vergeblich. Aber der Mann der Lehrerin hat sich bereit erklärt, mich auf die nächste Kneipentour wieder mitzunehmen. Ich hätte nicht gedacht, noch jemanden zu finden, der sich Gedanken macht über die Welt um ihn herum. Bei ihm zuhause lief eine Sendung im Fernsehen, die die sozialen Probleme Indiens behandelte. Bei unseren Priestern läuft Cricket oder etwas wie „taff“. 

 

Ich finde, selbst wenn Gott einem den Weg offiziell weist, sollte man schauen, wo man hintritt.

 

Ein Beitrag von Johannes Ulrich!

 

 

Päckchengruß aus Bayern nach Indien

Am Leiterwochenende im März haben die Leiter auf Initiative vom Hansi für Johannes eine selbstgemalte Motivationsfahne erstellt. Diese Fahne hat Hansi mit dem Buch "Scouting for Boys" von unserem Pfadfindergründer Baden-Powell in einem Paket nach Indien geschickt.

4. Bericht vom 17.02.2012

Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass man mit ein bisschen Training überall und immer schlafen kann? Ich schlafe jetzt wieder draußen auf einer Betonplatte. Auch das geht. Außerdem: Im aufrechten Sitzen, wenn man den Kopf nach vorne hängen lässt, in jeder Art von Zug oder Bus, sogar im Stehen ist es möglich, allerdings muss das Abteil dann so gut gefüllt sein, dass man nicht umfallen kann – aber das ist selten das Problem.

 

Ich bin wieder hier. Die Seminare sind vorbei und man muss sagen: Gut, dass es sie gibt. Ich habe gemerkt, dass nicht ich verrückt bin, sondern der Rest der Welt, und feststellen müssen, dass die Dinge so, wie sie bei mir laufen, dringend der Veränderung bedürfen. Es gibt keinen Grund irgendetwas hinzunehmen. Mit dieser Einstellung habe ich dann auch meinen Vorgesetzten aufgesucht und ihm gebeten, die Unterrichtsmenge zu reduzieren, und mir dafür freiere Hand zu lassen, Spiele zu organisieren, eine Website zu erstellen, mit den Streetworkern rauszugehen (da wäre ich als Attraktion und Lockvogel sogar wirklich hilfreich) und vieles mehr. Ich habe ihn mit Vorschlägen überschüttet. Er hat genickt. Er werde mit dem Bruder sprechen. Er werde mit den Lehrerinnen sprechen. Er werde mit dem Streetworker sprechen. Das ist schon möglich.

 

Ein paar Tage ist er auf unbestimmte Zeit nach Bangalore gefahren, um sich an der Nase operieren zu lassen, und hielt es nicht für nötig, mich zu informieren. Gesprochen hat er bisher mit niemandem. Kurzum, ich weiß wieder, wo mein Platz ist.

 

An der Website arbeite ich hauptsächlich nachts. Warum ich das tue, weiß ich gar nicht so genau, vielleicht nur um irgendetwas zu schaffen, was bleiben könnt. Wer wissen will, was wir eigentlich tun, der kann ja mal auf der Baustelle vorbeischauen: donboscohospet.jimdo.com. Vielleicht folgt auch noch ein facebook-Account.

 

An meinem letzten freien Tag habe ich eine Radtour gemacht und das Meer entdeckt. Es gibt ganz in der Nähe einen Stausee, der Ausläufer hat, die mir bisher unbekannt waren. Sogar mit einer Art Strand. Ich bin Schwimmen gegangen und auch wenn sich kurzzeitig Panik breitgemacht hat, weil die Strömung irgendwie vom Ufer wegzuführen schien, war es großartig und bestimmt nicht das letzte Mal.

 

Und noch etwas ist vorgefallen: die Polizei hat mich aus meinem Regierungsbezirk nach Bangalore ausgewiesen und mir verboten, das Stadtgebiet innerhalb der nächsten sieben Monate noch einmal zu verlassen. Unstimmigkeiten mit Visa und Aufenthaltserlaubnis. Was fällt Ihnen ein, die indischen Gesetze zu brechen! Es wäre also einfach vorbei gewesen, auf einen Schlag. Weil ich auf die Unterstützung der Salesianer ja ganz offensichtlich nicht zählen konnte (aufs Polizeirevier in die Bezirkshauptstadt musste ich allein fahren), habe ich sofort das deutsche Konsulat informiert und mit deren Hilfe einen Ämtermarathon in Bangalore begonnen. Es ist so lächerlich, wie sie dir erklären, dass es unmöglich ist, in Hospet zu arbeiten und anschnauzen, für wen ich mich halte. Ich habe den Polizisten angesehen und mit den Worten „Sir, ich kann das nicht akzeptieren!“ das Handy gezückt. Dank des Konsulats ist mir mein Gegenüber erst wieder im Büro des Polizeipräsidenten begegnet, das heißt ich musste schon zweimal hinsehen, ob er das auch wirklich ist, so wie er gekrochen kam, sich windend und zustimmend, „Selbstverständlich ist das möglich! Natürlich, sofort!“. Es fällt mir mittlerweile schwer, Leute zu respektieren, die sich selbst ernst nehmen.

 

Jetzt bin ich also wieder hier. Bei meinen Kindern. Und wenn es den Rest einen Scheiß interessiert, die haben sich gefreut. Auch über die UNO Karten, die ich aus Goa mitgebracht habe.

 

Ach ja, Goa. Wer je den Gedanken hatte, die Dinge um uns herum würden Sinn ergeben, der fahre nach Goa und lasse sich eines Besseren belehren: Ein Supermarkt, gleich hinter dem Strand, in dem die einzigen Schwarzen die Angestellten sind und die Verkehrssprachen Russisch und Deutsch. Gegenstände in den Regalen, von denen die Leute in Hospet nicht einmal wüssten, wie sie zu verwenden wären. So eine Kochplatte macht zwischen Topf und Holzfeuer auch wenig Sinn. Wie gelähmt standen wir vor zehn verschieden Brotsorten und dachten nur: Das kann doch nicht möglich sein.

Es ist übrigens möglich. So wie es möglich ist, im Stehen zu schlafen. Oder seine Aufenthaltserlaubnis zu ändern. Es ist möglich, auch wenn jeder das Gegenteil behauptet. Das zumindest ist ein Gesetz.

 

3. Bericht - Nachtrag vom 26.01.2012

Ich kann es so nicht stehen lassen. Der untrige Text ist ein Fehler, ganz einfach, weil er den Dingen nicht annähernd gerecht wird. Anstelle ihn zu löschen, will ich mich den Dingen mit einem neuen Fehler (denn nach obiger Definition ist das jeder) wieder annähern.

 

Und so muss ich einiges anders sagen: dass die Krippe mich an die Orgel unserer Kirchweih erinnert, nicht nur, weil sie ähnliche Lieder spielt; dass ich diese Rucksacktouristen ja brauche, um manchmal mit jemandem sprechen zu können, der Interesse zeigt; dass es einfach beides gibt, Rückschläge und Sprünge nach vorn.

 

Heute war ich Santa Claus. Das heißt, ich habe mich verkleidet und versucht meine weiße Haut zu verstecken und bin dann wild tanzend und springend auf der Bühne herumgetorkelt. Jeder der Mitarbeiter des social staff musste mit mir tanzen, wobei ich manchmal das Männlein – Weiblein Tabu ganz schön gebrochen haben muss, den erschrockenen Gesichtern zu urteilen. Als die Damen dann in sicherer Entfernung waren, konnten sie aber schon langsam wieder lachen. Ich glaube, dass auch das letztlich eine Form des kulturellen Austauschs war. Abends habe ich den Mädels aus dem Schwesternkonvent meine Weihnachtsgeschenke überreicht, was ebenfalls irgendwie ein reicher Moment war, genau wie der Schwatz mit dem Reisverkäufer, den ich heute früh in bester Gernstl-Manier angequatscht habe (Namaste! Was zahlt man denn für so ein riesiges zehn Kilopack? Und wo kommt ihr Reis eigentlich her?) oder die Familie, die die Blumen auf dem Markt bindet. Der einzige, bei dem ich wirklich kein schlechtes Gewissen habe, ihn schlecht zu machen, ist der verdammte Schädling im Garten, der mir den Bohnenertrag senkt – bei einer Ernte pro Woche ist das aber ein Luxusproblem. Jetzt, nachdem das geklärt ist, kann ich ruhig schlafen.

3. Bericht vom 21.12.2011

Meine Kinder und die Lehrerinnen sehen aus wie Zahnkranke. Sie haben sich ein gestricktes Stück Topflappen über den Kopf gelegt und unter dem Kinn verknotet. Das soll die Ohren warm halten. Ganz offensichtlich wird es langsam Winter. Dass Weihnachten vor der Tür steht, lässt sich an der an Größe und Kitsch schwer zu überbietenden Krippe erkennen, die morgen eingeweiht wird. Und daran, dass meine Zugtickets gebucht sind, um an Heiligabend nach Tamil Nadu, dem anderen Bundesstaat im Süden zu fahren und danach zum Zwischenseminar nach Goa.

 

Es wird auch Zeit. Die letzten Wochen waren die frustrierendsten, was den Unterricht betrifft. Nach dreiwöchigem dauerhaften Vokabeltraining (es waren nur zehn Wörter) schreiben immer noch 90 Prozent null Punkte und ich kann mittlerweile guten Gewissens sagen, dass es nicht an zu hohen Anforderungen meinerseits liegt – denn eigentlich stelle ich schon gar keine mehr. Hausaufgaben gebe ich nicht mehr, wozu auch, meiner Meinung nach haben sie nur Sinn, wenn sie einer macht. Das Schöne ist, dass es den Lehrerinnen genauso geht, ihnen zufolge war das allgemeine Niveau noch nie so schlimm wie in diesem Jahr. Eine meinte sogar, ich solle in Deutschland anrufen und unsere Lehrer fragen, was man tun könnte. Außer dem sprach sie von Kindern mit „no brain power“...

Der Garten hat mit einem Schädling zu kämpfen, aber sonst gedeiht alles nach wie vor - auch im Winter.

 

Das Krippenspiel ist fertig, morgen wird es aufgeführt und überall hängen bunte Sterne. Bei allen bisherigen Festen und Feiern habe ich immer das Gefühl gehabt, man feiert sie, weil sie im Kalender stehen. Ist das bei uns auch so? Wenn einem die finanziellen Möglichkeiten fehlen, den Alltag mal für eine Weile zu unterbrechen, dann nutzt man wohl die offiziellem Feiern umso mehr, auch wenn sie aus der immergleichen Dekoration, den immergleichen Tänzen und den immergleichen Reden besteht. Ich kann nicht verstehen, warum bei so einer Festivität immer jeder vorgestellt werden muss, wenn eh immer die gleichen Leute da sind.

 

In den letzten Wochen habe ich meine freien Tage ausschließlich in Hampi verbracht und tiefe Einblicke in die Szene der Rucksacktouristen gewonnen, jenen Individualreisenden, die - stellte man sie der Reihe nach auf – sich ähneln würde wie ein Ei dem anderen. In dem kleinen Dorf tun die Einheimischen alles, um ihnen das Indien zu bieten, dass sie sich vorgestellt haben. Und so laufen die europäischen Frauen in wallenden, bunten Hosen herum, die keine Inderin auch nur anfassen würde und ständig wird man angesprochen, ob man Alkohol oder Marihuana kaufen möchte. Manchmal möchte man, aber wenn man sich so umschaut, lässt man es doch.

Umso besser kommt man aber selber an, wenn man versucht sich auf Kannada mit den sympathischen Kokosnussverkäuferinnen zu unterhalten. Da springen schon mal ein paar Bananen extra raus!

 

Nachdem sich gestern beim Abendessen herausgestellt hat, dass ich ja gar nicht gezwungen werde, „das hier“ zu machen, um an die Uni zu dürfen, sondern wirklich Volontär bin, könnte sich das Einstellung der Mitarbeiter mir gegenüber ein wenig ändern. Allein ich glaube es nicht: Sie stehen nun wohl vor der Frage, wie man hier den freiwillig für ein Jahr herkommen kann, wenn man auch gleich mit den „studies“ beginnen könnte. Hauptsache ich weiß es!

 

Euch allen frohe Weihnachten und den Spendern vielen Dank, die benötigte Summe ist jetzt voll! Wenn es den einen oder anderen doch noch packt, dann sei ihm jedoch versichert, dass niemand in Indien so willkommen ist wie Geld! Unser Rektor hat Europa gestern auch schon einen Rückgang an Warmherzigkeit in den letzten Jahren unterstellt, eine Ansicht, die wie alle indischen Ansichten wohl zu einfach ist.

 

Ein Beitrag von Johannes Ulrich!

 

2. Bericht vom 09.11.2011

Das Bild der Hand ist ein zentrales, gerade auch was geistige Vorgänge angeht. In den Gesprächen mit Menschen, die weit entfernt sind, verstehe ich das immer besser: Wenn ich nicht begreifbar, weil nicht greifbar machen kann, was meine Sinnesorgane mir erzählen, wenn es mir nicht möglich ist, Eindrücke auf ein fassbares Maß zu bringen.

 

Viele Dinge haben sich mittlerweile eingespielt: Ich helfe oft beim Kochen (Pfannkuchen kamen ganz gut an), gehe jeden Tag in der Mittagspause im nahen Kanal schwimmen und schlafe auf dem Dach, wo ich mir ein Bambus-Draht-Gestänge für das Moskitonetz gebaut habe.

 

Gerade ging das Dessara-Festival zu Ende, an dem der Sieg irgendeines Hindugottes über irgendein Hindumonster in irgendeiner Vorzeitstufe gefeiert wird; ich wette, dass nicht einmal die Hälfte der Hindus sich in diesem Götterchaos zurechtfindet, aber wenn ich es richtig verstanden habe, ist das auch gar nicht notwendig.

 

Letzte Woche habe ich die Perspektive gewechselt und bin in den Süden gereist, um einen indischen Freund aus Holland, der eine Woche zuhause war, zu besuchen. Ein interessantes Gefühl, um fünf in der Nacht in einer Stadt, die man nicht kennt, in einen Bus zu steigen, der unter „destination“ einen Ortsnamen führt, den man nicht lesen kann, weil er in einer Schrift geschrieben ist, deren Buchstaben aussehen wie Blüten. Besser man fragt zwei oder drei Inder, denn hilfsbereit sind sie auch, wenn sie keine Ahnung haben.

 

Eine Nacht im Bus und einen Tag im Zug, gute zwanzig Stunden Bewegt-Werden später fand ich mich in Cochin ein, von wo ich am nächsten Morgen den Bus zu seinem Haus nahm, das sich in einem kleinen Ort mitten im Urwald befindet. Der Garten seiner Tante gefällt mir: Kaffee, Ingwer, Nelken und Gummibäume. Was man pflanzt, das wächst, meint man, als stelle sich dem grünen Leben nichts entgegen. Während eines Besuches in dem kleinen Bergdorf Munnar, habe ich Wanderungen durch eines der größten Teeanbaugebiete Indiens unternommen. Es überrascht nicht: Wenn man in einem Gewächshaus wohnt, haben die Pflanzen weniger Probleme als die Menschen.

 

Vor wenigen Tagen hat in Hospet ein Mann einen anderen vor Zeugen erstochen und von der Brücke in den Kanal gestoßen, bei der ich zu schwimmen pflege, ich erzähle das nicht, um mich in den Vordergrund zu drängen, sondern um einen Eindruck zu geben von den Verhältnissen; um greifbar zu machen. Wo wenig Arbeit und viel Zeit zusammenkommen, wird großer Unsinn geboren.

 

Als neulich einer der leitenden Fathers die Polizei rief, da an die dreißig Spießgesellen auf unserem Volleyballfeld Karten spielten und sich auch nach Aufforderung nicht entfernten, kamen sie ganz schön ins Rennen. Zehn von ihnen verbrachten die folgenden Nächte wohl im Gefängnis.

 

Was den Unterricht angeht, finde ich mich mit wachsender Kenntnis der Regionalsprache Kannada immer besser zurecht. Es geht mir mittlerweile darum, das Lernen zu lehren. Da kann es schon mal vorkommen, dass Ananda, der einfach nicht sitzen kann, sich abends mit dem Gesicht zur Wand wiederfindet und 200-mal „sit down“ in sein Heft schreibt, während die Kollegen fernsehschauen.

 

Für morgen war eine Demonstration geplant, an der wir mit den Kindern teilnehmen sollten, aber heute wurde uns die Erlaubnis entzogen. Die Begründung ist lächerlich und mit Sicherheit schon länger bekannt als am Spätnachmittag des Vortags.

 

Bis Weihnachten werde ich nun arbeiten, um dann noch einmal ein paar Tage in den Süden zu fahren, bevor ich versuchen will, irgendwie an der Küste entlang nach Goa zu kommen, wo unser Zwischenseminar an Silvester stattfindet. Ich freue mich, die anderen zu sehen und wieder in einer Sprache sprechen zu können, die ich beherrsche.

 

Ein Beitrag von Johannes Ulrich!

Neue Bilder vom 13.10.2011

1. Bericht vom 28.09.2011

Das Englische kennt eine kleine, aber wunderbare Wendung, die dem Deutschen fremd ist. Was wir emotionslos als „Stadtrand“ bezeichnen, wird hier zur „edge of town“, als könnte man von dieser „Kante“ in die Wildnis stürzen, durch das Nichts fallen oder im nächsten Moment von der Nacht verschlungen werden. An so einer Kante lebe ich nun, nahe dem Kanal, der das Ortsende Hospets (einem Städtchen von zweifelhaftem Ruf übrigens) markiert.

 

Die eigentliche Kante aber habe ich vor knapp einem Monat überschritten, als ich hier ankam - sagen wir besser: eintraf - und begann, mich inmitten von Unglaube und Unglaublichkeit zurecht zu finden. Mittlerweile habe ich meine Sachen zusammen, sitze hier in umgerechnet spottbilligen maßgeschneiderten Hemden und Hosen und bereite meine Unterrichtsstunden vor, die so schlecht sind, das es mir jeden Tag aufs Neue davor graust.

 

Was also treibe ich? Meine Aufgabe ist, mit den Kindern zu sein, und das ist nicht schwer, weil ich bereits nach einer Woche für jedes einzelne von ihnen einen "Mord" begehen würde. Da ist die kleine Lakshmi und immer wenn ich sie Lakashakamia nenne und dabei mit dem Hintern
wackele, kugelt sie sich im Sand vor Lachen. Da ist Schilpa, die zuerst ganz schüchtern war, die nun aber öfters zu mir kommt, mich umarmt und ihren Kopf an meinen Bauch legt, bevor sie wieder in der tobenden Masse verschwindet. Da ist Ravi, der halb wildes Tier und halb Lamm ist. Dessen Einschüchterungsversuchen ich mit kleinen Gesten der Zuneigung begegne und mit dem ich raufen kann, dem ich dann aber die Hand auf den Kopf legen darf und er lässt es zu. Alles großartige Kinder!

 

Es ist nicht ganz einfach, vormittags der strenge Lehrer zu sein und nachmittags mit ihnen zu spielen, als wäre nichts. Aber es geht schon irgendwie. Das trifft's ganz gut, alles geht schon irgendwie. Ziel ist es, die Kinder auf den Besuch einer staatlichen Schule vorzubereiten, d.h. ihnen Lesen und Schreiben und ein wenig Englisch zu vermitteln.

 

Dass es soweit gekommen ist, liegt auch in der Veränderung, die die Stadt vor drei Jahren erfahren hat: Auf Anordnung des Supreme Court wurden die illegalen Eisenerzminen in den nahen Bergen geschlossen. Der Staub blieb zwar, der die Straßenzüge und Flüsse rot einfärbt, aber viele Arbeiterfamilien zogen fort, um weiterhin ihr Existenzminimum (hier erst macht der Begriff Sinn!) zu bewahren. In manchen Fällen wurden die Kinder zurückgelassen. Vor allem diese Kinder, aber auch andere, die daheim nicht Möglichkeit haben zu lernen, leben in unserem Makkalamane, Kinderhaus, das ihnen Schule, Schlafplatz, Esszimmer und – das ist das Wichtigste – einen geregelten Tagesablauf bietet, an dem sie sich festhalten können.

 

Ich arbeite als Lehrer, d.h. ich gebe vier Stunden Englischunterricht am Tag, was nicht einfach ist mit Kindern, die nicht einmal alle ihre Muttersprache in Wort und Schrift beherrschen. So ist es kein Problem A-P-P-L-E zu buchstabieren – nur lesen können sie es nicht. Diese Woche sind Schulaufgaben und mir graust vor dem Ergebnis. Neben der Schule habe ich versucht ein tägliches Fußballtraining zu organisieren, weil ich hier das stumpfsinnig-blödeste Gebolze erlebe, das man sich vorstellen kann, aber auch das mit mäßigem Erfolg.

 

Während der work time bestellen mein garden team und ich den Gemüsegarten, d.h. die Kinder erklären mir, wie es funktioniert und ich bringe die Samen, wenn sie es für nötig halten. An meinem freien Tag durchstreife ich die Gegend, besuche Hampi, eine Ruinenstadt, die zum Weltkulturerbe gehört, oder mache meine Einkäufe.

 

Für alle Unterstützung möchte ich mich jetzt schon mal bedanken! Geld wird die Probleme dieser Kinder zwar nicht lösen, dazu sind die strukturellen Widrigkeiten zu ausgeprägt; aber die momentanen Umstände ein wenig abzumildern vermag es doch.

 

Zum Erntedankfest bekamen einige der Jungs und Mädels eine dieser IKEA-Bällebad-Kugeln geschenkt und hüten sie seitdem wie ihren Augapfel. Und einer der Jungen blättert beim Abendessen manchmal in einem Kalender von 2008 mit Bildern von den Stränden Goas. Auch wenn man sich schon in den ersten Wochen an vieles gewöhnt hat, befinde ich mich wohl noch in der Eingewöhnungsphase. Man wird sehen, wohin sich das entwickelt. Wenn ich wieder etwas weiß, melde ich mich!

 

Ein Beitrag von Johannes Ulrich!

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